Kreativität kommt von Koma
Von Roger Aeschbacher, www.skarema.comKreative kann man nicht stoppen. Sie müssen und werden gestalten, auch gegen alle Widerstände. Manche Menschen wurden als Künstler geboren. Andere werden erst zum Kreativen. Manchmal genügt dazu eine Hirnblutung.
Was zeichnet künstlerisch begabte und innovative Leute aus? Sie sind innerlich unruhig. Sie wollen gestalten. Sie geben sich nie zufrieden. Salvador Dalí war ein solcher Mensch. Ein „typischer“ Künstler. Getrieben. Voranschreitend. Laut. Exzentrisch. Mit einer wichtigen Einschränkung. Salvador Felipe Jacinto Dalí y Doménech, Marqués de Pubol sagte nämlich: „Der einzige Unterschied zwischen mir und einem Verrückten besteht darin, dass ich allerdings nicht verrückt bin.“
Künstler müssen schaffen
Diese Aussage von Dalí könnte man leicht als witzige Anekdote abtun. Aber es steckt eine fundamentale Weisheit darin. Künstler sind nicht verrückt. Ihre Ideen, Kunstwerke und Artefakte sind schlicht Ausformulierungen ihres umfassenden Wissensschatzes. Die Künstler haben diese Kunstwerke wie zwangsläufig erschaffen. Oft wissen sie selbst nicht einmal, warum sie ohne Ende gestalten. Ihre Kunstwerke ergeben sich wie natürlich aus einer langen Folge von Denk- und Schaffensprozessen. Sie sind die sichtbare Spitze ihres Eisberges aus Wissen, Fühlen und Handeln. Künstler, Kreative, Innovatoren, oder wie wir sie nennen wollen, schaffen letztlich einzigartige und neue Lösungen für bestehende Probleme.
Ist Dr. House normal?
Künstler, Forscher, und auch ein Dr. House, bekommen oft echte körperliche Schmerzen, wenn sie eine Herausforderung nicht lösen können. Sie geben sich nie zufrieden. Sie fragen nicht „Was ist?“, sondern wollen wissen „Was könnte sein?“ Wo andere nur das Jetzt verwalten, gestalten Sie die Zukunft.
Kreative sind ein wenig wie Kinder. Auch bei ihnen überwiegen die regulativen Funktionen noch nicht. Sie können nicht aufhören zu fragen. Kreative sind daher Unruhestifter. Aber nicht weil sie Unruhe stiften wollen. Das ist ein Klischee. Nein, sie sind Unruhestifter weil sie Bestehendes nicht als sakrosankt ansehen, Verbesserungen vorantreiben und damit immer auch Änderungen auslösen. Kreative sehen, was andere nicht sehen. Das kann Anerkennung und Bewunderung auslösen. Öfter noch löst es Neid und Missgunst aus. Wie bei Dr. House.
Die beste aller Hirnblutungen
Einen besonders spannenden Einblick in Kreativität liefert vielleicht die Geschichte von Tommy McHugh. Tommy McHugh war ein unbelehrbarer Krimineller. Er verbrachte sein halbes Erwachsenenleben hinter Gittern. Eines Tages hatte er eine schwere Hirnblutung, die ihm beinahe das Leben kostete. Nur mit grösster Not konnten die Ärzte eine Arterie, die ins Hirn blutete, mit Klammern abklemmen und ihm so sein Leben retten. Noch während der Genesung beginnt Tommy zwanghaft zu malen und zu modellieren. „Wenn ich mit einem Bild fertig bin, dann beginne ich ein neues. Und wenn das fertig ist, dann mache ich wieder ein neues. Oder ich beginne eine Skulptur. Ich muss immer schaffen“, so Tommy in einem Bericht in der Fachzeitschrift Nature.
Dies zeigt doch folgendes. Tommy McHughs Identität, und damit einhergehend auch seine Kreativität, ist an eine bestimmte Persönlichkeit gebunden. McHugh ist jetzt kreativ, weil er offenbar durch seine, vielleicht Schädigung, aber sicher Neuorganisation des Hirnes auf einen Schlag eine neue Persönlichkeit ist. In seiner alten Persönlichkeit interessierte in Kunst nicht. Jetzt ist er davon besessen. Auch etwas Zweites lässt sich hier erkennen. Tommy McHugh ist aus sich selbst heraus kreativ. Seine Persönlichkeit, und nicht irgendwelche äusseren Anreize, treiben ihn dazu, alle seine Kräfte für seine Kreativität einzusetzen. McHugh hat einen innerlichen Drang. Er will gestalten, weil er wissen muss.
Wie wird man kreativ?
Die Geschichte von Tommy McHugh sollte allen zu denken geben, die Kreativität von aussen fördern wollen. Das könnte schwieriger sein, als man denkt, vielleicht gar unmöglich. Vieles spricht dafür, dass es zuerst eine kreative Persönlichkeit braucht, damit Kreativität sich manifestiert. Es ist wie mit dem Läuten an einer Haustüre. Der Klingelknopf an der Türe genügt alleine nicht. Es braucht auch eine Glocke im Haus, die dann schellt, wenn man auf den Knopf drückt. Bei Tommy läutet die Glocke selbst ohne Druck auf die Klingel. Hätte Tommy vor seiner Persönlichkeitsänderung an einem Kreativitätsworkshop teilnehmen müssen, hätte er wahrscheinlich die anderen Teilnehmer ausgeraubt. Nach seiner schlagartigen Änderung hat er keine Zeit mehr für Kreativitätsworkshops. Er muss Kunst schaffen. Vielleicht kommt Kunst nicht von Können, sondern von künstlichem Koma.
© Roger Aeschbacher
Der Autor ist Experte für Innovation und Kommunikation. Mehr zu Kreativität finden sie in seinem beim Verlag Rüegger erhältlichen Buch „Maximale Innovation – durch Management by Conversation“.


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